Ein Gespräch mit Prof. Dr. Günter Roth
Was passiert mit Menschen, die im akademischen Betrieb die Ideale ernst nehmen, auf die sie selbst einmal eingeschworen wurden? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch das Gespräch mit Günter Roth, Mit-Herausgeber des Buches „Mut zum Widerspruch“. Das Interview die ungeschminkte Realität im akademischen Alltag – es macht sichtbar, was hinter abstrakten Begriffen wie Anpassungsdruck, Exklusion und wissenschaftlicher Konformität konkret steckt.
Akademische Ideale als Karrierenachteil
Besonders eindrücklich ist Roths Beobachtung zu sogenannten Erstakademikern. Menschen, die nicht aus akademischen Familien stammen, nehmen die Ideale von Wissenschaft – Wahrheitssuche, Argumente, Offenheit – oft besonders ernst. Genau das wird ihnen jedoch häufig zum Verhängnis. Während andere früh lernen, dass viele akademische Rituale vor allem Verpackung sind, halten Erstakademiker diese Werte für verbindlich. Wer sie später als Professor oder Wissenschaftler tatsächlich lebt, stößt schnell auf Widerstände – vor allem bei jenen, die das System längst pragmatisch durchschaut haben.
Stolz jenseits akademischer Titel
Auf die Frage, worauf er stolz sei, nennt Roth nicht in erster Linie Status oder Positionen, sondern Eigenschaften: Gradlinigkeit, Ehrlichkeit, Direktheit. Und überraschend bodenständig: handwerkliche Fähigkeiten. Mauern hochziehen, schreinern, Dinge selbst machen zu können, bedeute Unabhängigkeit – nicht alles kaufen oder delegieren zu müssen. Ein leiser Kontrapunkt zu einer akademischen Welt, in der Abhängigkeiten oft subtil, aber wirkmächtig sind.
Verpasste Wege und persönliche Kosten
Mit dem Wissen von heute würde Roth manches anders machen. Früh wollte er Anwalt werden, angetrieben von einem starken Gerechtigkeitssinn. Doch das Durchhaltevermögen fehlte, um sich durch eine konservative Juristenkultur zu kämpfen. Rückblickend wäre dieser Weg ökonomisch leichter gewesen.
Noch schwerer wiegt für ihn ein anderes Thema: Kinderlosigkeit. Sie ist im akademischen Spitzenbereich kein Randphänomen, sondern strukturell begünstigt. Befristete Verträge, permanente Ortswechsel und extremer Konkurrenzdruck zwingen viele dazu, ihr Leben vollständig der Karriere unterzuordnen. Wissenschaft, so Roth, habe hier etwas vom Mönchstum bewahrt.
Der Staat als Gewaltapparat
Eine der zugespitztesten Passagen des Gesprächs betrifft Roths politische Utopie: eine staatsfreie Gesellschaft. Provokant, aber nicht naiv gemeint. Der Staat erscheine oft als Wohltäter, sei historisch und strukturell jedoch vor allem ein Gewaltapparat – militärisch, rechtlich und symbolisch. Wir könnten uns kaum vorstellen, außerhalb staatlicher Logik zu denken, weil Bildung, Sprache und Institutionen uns genau darauf festlegen.
In diesem Zusammenhang verweist Roth auf alternative Konzepte wie den demokratischen Konföderalismus in Rojava: kleine, überschaubare Einheiten, direkte Verantwortung, Geschlechtergerechtigkeit, ökologische Orientierung. Ob und wie sich solche Modelle langfristig tragen, bleibt offen – aber sie öffnen Denk- und Vorstellungsräume jenseits des scheinbar Alternativlosen.
Was bleibt?
Auf die Frage nach seinem Vermächtnis antwortet Roth nüchtern. Große Gewissheiten hat er nicht. Hoffnung schöpft er aus Projekten, Netzwerken, Ideen, die vielleicht über ihn hinaus weiterwirken. Die Plattform „einfach kompliziert“ steht sinnbildlich dafür: ein Ort für Visionen, Gedanken und Widerspruch, ohne Garantie auf Dauerhaftigkeit.
Gerade diese Offenheit wirkt wie ein passender Schlusspunkt. Mut zum Widerspruch erzählt nicht von Helden, sondern von Menschen, die den Preis zahlen, wenn sie sich weigern, Ideale nur als Fassade zu behandeln. Das Gespräch mit Günter Roth macht deutlich: Anpassung mag Karrieren erleichtern – aber sie verarmt Denken und Gesellschaft.