Prisca Würgler über freie Medien, echte Begegnung, Eigenverantwortung und die Kraft der Natur
Was passiert, wenn man plötzlich nicht mehr in die Welt passt, in der man bisher gelebt hat?
Für Prisca Würgler war diese Erfahrung ein Wendepunkt. Aus der Lehrerin, Mutter und ehemaligen Alphirtin wurde eine Herausgeberin, Netzwerkerin und Unternehmerin. Sie gründete „Die Freien“, ein unabhängiges Printmagazin, und „Graswurzle“, eine Vernetzungsplattform, die Menschen wieder miteinander ins Gespräch bringen will.
Im discorso-Podcast mit Urs Ellenberger erzählt sie, was hinter diesen Projekten steht – und warum es ihr nicht darum geht, möglichst laut gegen etwas zu sein, sondern darum, etwas entgegenzusetzen.
Freie Informationen brauchen einen Ort
Anlass des Gesprächs ist die Zusammenarbeit zwischen Discorso und dem Printmagazin „Die Freien“. Beide verbindet ein gemeinsamer Grundgedanke: Informationen sollen frei zugänglich bleiben und einen dauerhaften Ort bekommen.
Denn was einmal gedruckt ist, lässt sich nicht einfach aus dem Netz entfernen.
Gerade in einer Zeit, in der digitale Inhalte verschwinden, Reichweiten eingeschränkt oder bestimmte Stimmen aus digitalen Räumen verdrängt werden können, bekommt das gedruckte Wort eine besondere Bedeutung. Ein Buch oder eine Zeitschrift bleibt physisch bestehen und kann weitergegeben werden.
Für Prisca Würgler ist das mehr als eine technische Frage. Es geht um die Möglichkeit, Gedanken sichtbar zu machen, die sonst möglicherweise keinen Platz bekommen.
Dabei versteht sie freie Medien nicht als Selbstzweck. Entscheidend ist für sie die Frage: Was können wir gemeinsam bewegen?
Die Kooperation zwischen „Die Freien“ und discorso steht deshalb auch für einen Gedanken, der sich durch das gesamte Gespräch zieht: Vernetzung schafft Kraft.
Nicht nur aufzeigen, was falsch läuft – sondern fragen, was möglich ist
„Die Freien“ erscheint inzwischen im fünften Jahrgang. Das Magazin kommt sechsmal jährlich heraus und widmet sich jeweils einem Themenschwerpunkt.
Dabei gibt es für die Redaktion keine Themen, vor denen sie zurückschreckt. Sie möchte hinschauen, auch dort, wo es unbequem wird.
Doch das allein reicht Prisca Würgler nicht. Sie spricht von konstruktivem Journalismus: Missstände sollen benannt werden – aber die Information soll den Menschen nicht in Ohnmacht zurücklassen.
Denn wer permanent mit negativen Nachrichten konfrontiert wird, kann irgendwann das Gefühl bekommen, ohnehin nichts verändern zu können. Würgler möchte deshalb einen anderen Weg gehen:
Was können wir tun? Was können wir dem entgegensetzen?
Diese Frage verändert die Perspektive.
Aus Kritik wird Gestaltung.
Aus Ohnmacht kann Handlung entstehen.
Aus der Erkenntnis eines Problems kann die Suche nach einer Lösung werden.
Gerade darin liegt vielleicht eine der wichtigsten Botschaften des Gesprächs: Es genügt nicht, die Realität zu erkennen. Entscheidend ist, was wir mit dieser Erkenntnis anfangen.
Graswurzle: Vernetzung statt Lagerdenken
Dieser Gedanke findet sich auch in Prisca Würgler's zweitem großen Projekt: Graswurzle.
Die Plattform entstand in einer Zeit, in der persönliche Begegnungen massiv eingeschränkt waren. Für Prisca wurde dadurch umso deutlicher, wie wichtig echte menschliche Beziehungen sind.
Denn digitale Vernetzung ist nicht automatisch soziale Verbundenheit.
Man kann hunderte Kontakte in sozialen Netzwerken haben und sich trotzdem einsam fühlen. Prisca setzt deshalb bewusst auf das Echte: Menschen sollen sich begegnen, miteinander sprechen und feststellen, dass sie mehr verbindet, als sie vielleicht zunächst vermutet hätten.
Das Besondere dabei: Graswurzle soll kein Treffpunkt für eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe sein.
Vom Anwalt über den Elektroingenieur bis zum Gärtner – Menschen mit völlig unterschiedlichen Hintergründen kommen zusammen.
Gerade diese Verschiedenheit sieht Prisca Würgler als verbindende Kraft.
Denn wenn alle aus derselben Perspektive auf die Welt schauen, fehlen bestimmte Ressourcen. Erst wenn unterschiedliche Erfahrungen, Fähigkeiten und Sichtweisen zusammenkommen, entsteht etwas Neues.
Vernetzung bedeutet dann nicht, dass alle dasselbe denken. Sie bedeutet, dass Menschen trotz ihrer Unterschiede gemeinsam handlungsfähig werden.
Der Bruch, der ein neues Leben möglich machte
Der persönliche Hintergrund von Prisca Würgler macht verständlich, warum diese Themen für sie mehr sind als politische oder gesellschaftliche Konzepte.
Während der Corona-Zeit arbeitete sie als Klassenlehrerin einer fünften und sechsten Klasse. Sie entschied sich, keine Masken tragenden Kinder unterrichten zu wollen und selbst keine Maske zu tragen. In der Folge verlor sie ihre Stelle.
Für sie und ihre beiden Kinder war das eine existenzielle Situation.
Doch gerade diese Situation brachte sie dazu, nicht stehen zu bleiben.
Sie begann, das zu tun, was sie konnte und was sie gerne machte. Aus einer Krise entwickelte sich Schritt für Schritt ein neues berufliches Leben.
Heute ist sie Herausgeberin, Gründerin und Geschäftsleiterin und bewegt sich in einem Netzwerk, das weit über ihre ursprüngliche Lebenswelt hinausreicht.
Dabei beschreibt sie die Zeit nicht einfach als Befreiung. Sie erzählt auch von den sozialen Konsequenzen. Menschen aus ihrem früheren Umfeld distanzierten sich von ihr. Manche Freundschaften verloren ihre Tiefe.
Ein Bruch kann also beides sein: Verlust und Neubeginn.
Die Alp als Schule des Lebens
Eine besonders eindrückliche Station in Prisca Würgler's Leben waren ihre Jahre auf der Alp. Insgesamt verbrachte sie 15 Sommer auf der Alp, zehn davon mit Ziegen. Gemeinsam mit ihrem damaligen Partner führte sie sogar eine eigene Ziegenalp und stellte Käse in verschiedenen Sorten her.
Was sie dort lernte, prägt ihre Sicht auf das Leben bis heute. Denn auf der Alp kann man der Realität nicht ausweichen.
Das Wetter ist da.
Die Tiere sind da.
Krankheiten sind da.
Die Natur ist da.
Wasser kann knapp werden.
Ein Tier kann abstürzen.
Und wenn etwas passiert, kann man sich nicht einfach zurückziehen und darauf warten, dass jemand anderes das Problem löst.
Man muss handeln.
Genau darin sieht Prisca Würgler eine wichtige Erfahrung für das Leben: Eigenverantwortung.
In einer modernen Gesellschaft gibt es für viele Probleme spezialisierte Institutionen. Man geht zum Arzt, wenn man krank ist, zum Amt, wenn man finanzielle Schwierigkeiten hat, oder sucht eine andere Stelle, die eine Lösung bereitstellt. Das kann wertvoll sein. Gleichzeitig kann dadurch aber auch die eigene Fähigkeit verloren gehen, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.
Die Alp hat Prisca etwas anderes gelehrt: Du bist Teil der Realität. Und du musst dich mit ihr auseinandersetzen.
Spiritualität, die nicht erklärt werden muss
Auch ihre Spiritualität verbindet Prisca unmittelbar mit der Natur. Sie wurde christlich erzogen, trat später aber aus der Kirche aus, weil die Institution nicht ihrem Empfinden entsprach. Spiritualität selbst spielt für sie dennoch eine große Rolle.
Nur braucht sie dafür keine Institution. Sie beschreibt Spiritualität als etwas, das sie unmittelbar erlebt: über Intuition, Natur und Verbundenheit. Besonders eindrücklich ist die Erinnerung an eine große Linde aus ihrer Kindheit. Wenn sie traurig war, ging sie zu diesem Baum und erzählte ihr alles. Für sie war diese Linde ein Ort von Trost und Kraft.
Natürlich waren es ihre eigenen Gedanken und Worte, die sie dort formulierte. Und dennoch kam etwas zurück: eine Empfindung von Unterstützung, Orientierung und Verbundenheit.
Vielleicht ist genau das der Kern ihrer Spiritualität:
Nicht etwas, das man erklären muss.
Nicht etwas, das man beweisen muss.
Sondern etwas, das man erlebt.
Vom Widerstand zur Gestaltung
Betrachtet man die verschiedenen Stationen ihres Lebens, entsteht ein erstaunlich klares Bild.
Die Lehrerin, die sich gegen eine Vorgabe stellt.
Die Frau, die den sicheren Berufsweg verlässt und auf die Alp geht.
Die Mutter, die nach dem Verlust ihrer Stelle einen neuen Weg finden muss.
Die Gründerin von Graswurzle, die Menschen zusammenbringt.
Die Herausgeberin von „Die Freien“, die unabhängigen Informationen Raum gibt.
All diese Stationen verbindet ein gemeinsames Motiv:
Nicht darauf warten, dass jemand anderes etwas verändert. Sondern selbst anfangen.
Dabei geht es nicht um Widerstand um des Widerstands willen. Es geht darum, die eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen, Verantwortung zu übernehmen und aus einer Erkenntnis eine Handlung werden zu lassen.
Vielleicht ist das auch die stärkste Verbindung zwischen „Die Freien“ und discorso: Beide wollen nicht nur Informationen verbreiten. Sie wollen Räume für eigenständiges Denken schaffen.
Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort – nicht bei der Frage, wer recht hat, sondern bei der Bereitschaft, hinzuschauen, zuzuhören und selbst Verantwortung zu übernehmen.
Ein Gespräch über Freiheit – und darüber, was wir daraus machen
Das Gespräch zwischen Urs Ellenberger und Prisca Würgler ist deshalb weit mehr als ein Gespräch über ein Magazin oder eine neue Kooperation.
Es ist ein Gespräch über die Frage, wie wir als Menschen mit einer sich verändernden Welt umgehen.
Bleiben wir in der Ohnmacht?
Oder fragen wir:
Was kann ich tun?
Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch Prisca Würgler's Geschichte.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Bedeutung von „Graswurzle“: Veränderung beginnt nicht immer oben, bei Institutionen und großen Organisationen.
Manchmal beginnt sie ganz unten.
Bei einzelnen Menschen.
Bei einer Begegnung.
Bei einem Gespräch.
Bei einer Entscheidung.
Bei einem gedruckten Text.
Und manchmal beginnt sie mit dem Mut, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen – und daraus etwas entstehen zu lassen.
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