Mehr Spiritualität wagen: Warum Aufklärung ohne Spiritualität unvollständig bleibt – Prof. Harald Walach im Gespräch

Mehr Spiritualität wagen: Warum Aufklärung ohne Spiritualität unvollständig bleibt – Prof. Harald Walach im Gespräch

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Prof. Dr. Dr. Harald Walach ist eine der interessantesten Denkerfiguren unserer Zeit. Psychologe und Philosoph, doppelt promoviert, mit einer beeindruckenden wissenschaftlichen Laufbahn. In einem kürzlichen Gespräch erklärt er, warum echte Aufklärung Spiritualität ernst nehmen sollte.

Vom Theologiestudenten zum Grenzgänger

Prof. Walach begann sein Studium in Wien mit Theologie, Philosophie und Psychologie. Schnell merkte er: Psychologie allein war ihm zu flach, Philosophie zu abgehoben. Also kombinierte er beide Fächer – ein damals noch ungewöhnlicher Weg. Diese doppelte Perspektive prägt sein Denken bis heute: Er bleibt sowohl empirisch-wissenschaftlich als auch philosophisch tiefgehend.

Nach einer kurzen Phase als Therapeut entschied er sich für die Wissenschaft. Nicht weil er Menschen nicht helfen wollte, sondern weil seine Neugier zu groß war.

„In der Therapie muss man manchmal fünf gerade sein lassen“, sagt er. "In der Wissenschaft hingegen darf man fragen" – und genau das hat er getan.

Die unvollendete Aufklärung

Prof. Walach kritisiert eine verengte Form der Aufklärung, die seit dem 18. Jahrhundert vorherrscht. Diese war stark antiklerikal und hat Religion und Spiritualität oft pauschal als „rückständig“ abgetan. Von Feuerbach über Marx bis in linke und materialistische Kreise hinein wurde Spiritualität mit institutionalisierter Religion gleichgesetzt und gemeinsam entsorgt.

Genau hier setzt Walach an: Man hat das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Spiritualität sei keine Frage von Kirche oder Dogma, sondern eine fundamentale menschliche Dimension – vergleichbar mit Sexualität, Gemeinschaft oder dem Bedürfnis nach Sinn. Wer sie ausblendet, betreibe keine echte Aufklärung, sondern eine neue Form der Verengung.

Komplementarismus – Die Brücke zwischen Geist und Materie

Ein zentraler Gedanke Prof. Walachs ist der Komplementarismus. Inspiriert von Niels Bohr (Quantentheorie) und frühen Wahrnehmungspsychologen wie William James und Edgar Rubin, argumentiert er:

Geist und Materie sind keine Gegensätze und auch nicht dasselbe. Sie sind zwei komplementäre Aspekte einer tieferen Wirklichkeit.

So wie man bei bekannten Kippbildern (junge Frau / alte Hexe) immer nur eine Gestalt gleichzeitig sehen kann, können wir Bewusstsein und Gehirnprozesse zwar zusammen betrachten – aber nicht auf eines reduzieren. Wer versucht, Bewusstsein rein materialistisch zu erklären, begeht laut Prof. Walach einen logischen und wissenschaftlichen Fehler.

Spiritualität als Haltung

Für Walach ist Spiritualität keine Esoterik, sondern eine Haltung – ein Habitus. Sie entspringt der Erfahrung, dass es eine größere Wirklichkeit gibt, aus der wir kommen und in der wir aufgehoben sind. Meister Eckhart formulierte es einst so: „Gott ist das Sein.“

Spiritualität bedeutet, sich dieses größeren Zusammenhangs bewusst zu sein und entsprechend zu leben – jenseits von Dogmen und Institutionen.

Fazit: Eine neue Aufklärung braucht Spiritualität

Prof. Harald Walach plädiert nicht für eine Rückkehr zur Kirche, sondern für eine erweiterte Aufklärung, die den ganzen Menschen ernst nimmt – inklusive seiner spirituellen Dimension. Nur so können wir die materialistischen Engführungen des 19. und 20. Jahrhunderts überwinden und eine Wissenschaft betreiben, die der Komplexität der Wirklichkeit gerecht wird.

Wer Prof. Walachs Gedanken folgt, erkennt: Wer Spiritualität ausgrenzt, grenzt einen wesentlichen Teil der menschlichen Realität aus. Und das ist weder wissenschaftlich noch wirklich aufgeklärt.

Wer tiefer in diese Themen eintauchen möchte, dem sei das Buch Mehr Spiritualität wagen sowie die aktuelle Podcast-Folge von Empathie wärmstens empfohlen.