Mut zum Widerspruch in «DIE FREIEN»

Mut zum Widerspruch in «DIE FREIEN»

Das neue Heft von «DIE FREIEN» trägt einen Titel, der kaum besser zu unserem Buch passen könnte: «Wir widersprechen!»

In der aktuellen Ausgabe #26/2026 wird «Mut zum Widerspruch» gleich an mehreren Stellen aufgegriffen – unter anderem im grossen Interview mit Wolfgang Stölzle ab Seite 32. Auch Harald Walach ist mit einem bemerkenswerten Beitrag ab Seite 44 vertreten.

Damit wird ein Thema sichtbar, das auch im Zentrum unseres Buches «Mut zum Widerspruch: Dissidenten der Alternativlosigkeit berichten» steht: Was geschieht mit einer Gesellschaft, einer Wissenschaft und letztlich mit jedem Einzelnen, wenn Widerspruch nicht mehr als notwendiger Teil von Erkenntnis verstanden wird, sondern als Störung?

«Ich wurde für meine Meinung bestraft»

Ab Seite 32 spricht Wolfgang Stölzle im Interview mit «DIE FREIEN» über die Entstehung unseres Buches. Für ihn war die Aufarbeitung seiner eigenen Geschichte ein wesentlicher Antrieb.

Stölzle beschreibt, wie seine Kritik an den Corona-Massnahmen zu erheblichen beruflichen Konsequenzen führte. Gemeinsam mit Prof. Dr. Günter Roth entstand daraus «Mut zum Widerspruch», in dem Menschen, die ausgegrenzt wurden, ihre Erfahrungen aus persönlicher Perspektive schildern. Das Buch möchte dabei nicht bei der Opferrolle stehen bleiben, sondern Erfahrungen sichtbar machen und öffentlich zurechtrücken.

Besonders eindrücklich ist Stölzles Blick auf die Veränderung des Meinungskorridors. Er berichtet, dass er selbst lange Zeit sehr auf seine unmittelbare Arbeit an der Universität konzentriert war und erst durch die eigenen Erfahrungen erkannte, wie stark sich die Bedingungen für offene wissenschaftliche Diskussionen verändert hatten.

Seine zentrale Erfahrung: Nicht unbedingt die Äusserung einer falschen wissenschaftlichen These kann zur Gefahr werden – sondern bereits eine unpopuläre Meinung. Hinzu kommen strukturelle Abhängigkeiten, etwa befristete Arbeitsverträge und die Abhängigkeit von Drittmitteln.

Genau hier berührt sich das Interview unmittelbar mit dem Anliegen unseres Buches: Was kostet es, zu widersprechen? Und was kostet es eine Gesellschaft, wenn immer weniger Menschen bereit sind, diesen Preis zu bezahlen?

Harald Walach: Wissenschaft braucht den Widerspruch

Ab Seite 44 folgt mit Harald Walachs Beitrag «Grenzwissenschaft und der ‹Mainstream›» ein weiterer Text, der hervorragend an diese Frage anschliesst.

Walach stellt das verbreitete Bild von Wissenschaft infrage, nach dem sich Wissenschaftler Schritt für Schritt auf gesichertes Wissen einigen und daraus ein immer stabileres Gebäude der Erkenntnis entsteht. Dieses Bild, so Walach, unterschätze die entscheidende Rolle von Widerspruch, kritischen Fragen und Erkenntnissen ausserhalb des jeweiligen Mainstreams.

Besonders anschaulich macht er dies am historischen Beispiel von William Harvey und der Entdeckung des Herzschlags. Harveys Vorstellung, das Herz funktioniere als Pumpe, widersprach dem damaligen wissenschaftlichen Konsens. Seine Erkenntnis stiess deshalb zunächst auf massiven Widerstand. Was heute selbstverständlich erscheint, war damals für viele Fachleute undenkbar.

Die Geschichte zeigt etwas Grundsätzliches:

Erkenntnis entsteht nicht allein durch Konsens. Sie entsteht auch dadurch, dass jemand fragt, ob das bisher für wahr Gehaltene tatsächlich stimmt.

Und genau deshalb ist Widerspruch kein Gegenmodell zu Wissenschaft. Er ist ein Teil ihrer inneren Dynamik.

Widerspruch ist unbequem – und deshalb wertvoll

Das Editorial der aktuellen Ausgabe bringt diese Idee auf den Punkt: Erkenntnisgewinn lebt davon, bestehende Annahmen zu hinterfragen. Das gilt für die Wissenschaft ebenso wie für das persönliche Leben und für die Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die ihren Widerspruch verliert, verliert letztlich auch einen Teil ihrer Fähigkeit zur Selbstkorrektur.

Das ist auch der Gedanke, der «Mut zum Widerspruch» zugrunde liegt.

Widerspruch bedeutet nicht, grundsätzlich dagegen zu sein.
Er bedeutet nicht, jede etablierte Position abzulehnen oder automatisch die Gegenposition für richtig zu halten.

Widerspruch bedeutet zunächst: selbst denken. Fragen stellen. Prüfen. Aushalten, dass die eigene Sichtweise vielleicht nicht vollständig ist. Und anderen zugestehen, dass auch sie eine andere Perspektive haben dürfen.

Gerade deshalb braucht Widerspruch Mut. Denn wer widerspricht, riskiert Ablehnung. Er verlässt den sicheren Bereich des Konsenses und setzt sich der Möglichkeit aus, selbst infrage gestellt zu werden.

Ein Buch zur richtigen Zeit

Dass «DIE FREIEN» «Mut zum Widerspruch» in dieser Ausgabe gleich mehrfach aufgreift, ist deshalb mehr als eine schöne Verbindung.

Die Ausgabe #26/2026 steht insgesamt unter dem Titel «Wir widersprechen!» und versammelt Beiträge aus Politik, Wissenschaft, Gesellschaft und Kultur. Im Inhaltsverzeichnis finden sich neben Wolfgang Stölzle und Harald Walach zahlreiche weitere Beiträge, die sich mit unterschiedlichen Formen des Widerspruchs beschäftigen.

Besonders schön ist dabei die inhaltliche Verbindung zwischen Stölzles persönlicher Erfahrung und Walachs wissenschaftshistorischer Perspektive:

Der eine zeigt, was Widerspruch einen Menschen kosten kann.
Der andere zeigt, warum Wissenschaft ohne Widerspruch nicht funktionieren kann.

Dazwischen liegt die zentrale Frage unseres Buches:

Wie frei ist eine Gesellschaft, wenn bestimmte Meinungen zwar ausgesprochen werden dürfen – aber diejenigen, die sie äussern, dafür mit beruflichen, sozialen oder persönlichen Konsequenzen rechnen müssen?

Vielleicht beginnt Freiheit genau dort, wo wir wieder lernen, unterschiedliche Positionen auszuhalten.

Nicht nur die eigenen.

«Mut zum Widerspruch» – Dissidenten der Alternativlosigkeit berichten

Unser Buch versammelt persönliche Berichte von Menschen, die erfahren haben, was es bedeutet, gegen einen vorherrschenden Konsens zu stehen.

Es geht um Ausgrenzung, berufliche Konsequenzen und den Umgang mit abweichenden Meinungen. Aber ebenso geht es um die Frage, was danach kommt: Wie findet man zurück ins Leben? Wie bewahrt man seine innere Unabhängigkeit? Und wie kann aus einer persönlichen Erfahrung ein Impuls für gesellschaftliche Veränderung werden?

Wolfgang Stölzle fasst die Motivation hinter dem Buch im Interview mit «DIE FREIEN» treffend zusammen: Die Autoren wollen ihre Erfahrungen sichtbar machen und deutlich machen, dass sie nicht einfach Opfer sind. Das Leben geht weiter.

Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft überhaupt:

Widerspruch ist kein Ende. Er kann ein Anfang sein.

Ein Anfang für neue Fragen.
Für neue Erkenntnisse.
Für echte Debatten.
Und vielleicht auch für eine Gesellschaft, die wieder gelernt hat, Widerspruch nicht als Bedrohung, sondern als Möglichkeit zur Selbstkorrektur zu begreifen.

«Mut zum Widerspruch: Dissidenten der Alternativlosigkeit berichten»
Herausgegeben von Wolfgang Stölzle und Günter Roth
Discorso Verlag, 2025, 400 Seiten.

Jetzt in der aktuellen Ausgabe von «DIE FREIEN» weiterlesen – und selbst widersprechen, wo es nötig ist.

Wir sagen Danke an Prisca Würgler, Herausgeberin des Magazins.