„Mut zum Widerspruch“ – Wenn Meinungsfreiheit ihren Preis hat - Hans-Georg Maaßen im Gespräch mit Prof. Dr. Wolfgang Stölzle

„Mut zum Widerspruch“ – Wenn Meinungsfreiheit ihren Preis hat - Hans-Georg Maaßen im Gespräch mit Prof. Dr. Wolfgang Stölzle

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Was geschieht, wenn ein Hochschulprofessor öffentlich Zweifel äußert? 
Nicht polemisch. Nicht laut. Sondern argumentativ, schriftlich, im Rahmen geltender Regeln.

Im Gespräch mit Hans-Georg Maaßen schildert Prof. Dr. Wolfgang Stölzle, Mitherausgeber des Buches „Mut zum Widerspruch – Dissidenten der Alternativlosigkeit berichten“, wie aus Kritik ein Karrierebruch wurde – und aus einem inneruniversitären Konflikt eine existenzielle Krise.


Der Ausgangspunkt: Ein Brief

Stölzle beschreibt den Beginn nüchtern. Er schrieb eine sachliche, umfangreiche Mail an das Rektorat der Universität St. Gallen. Darin argumentierte er gegen die Corona-Maßnahmen seiner Hochschule. Kein öffentlicher Auftritt. Keine Demonstration. Kein Tabubruch.

Er hielt sich an alle Vorgaben – Maskenpflicht, Regularien, Verfahrenswege.

Doch offenbar reichte es, den Mund aufzumachen.

Innerhalb weniger Wochen war er isoliert. Kollegen distanzierten sich. Gremiensitze gingen verloren. Ehrenmandate wurden entzogen. In Sitzungen saß er plötzlich allein.

Was folgte, war eine Dynamik, die er rückblickend als systematisch beschreibt.


Vom Widerspruch zur Skandalisierung

Im Zentrum des Gesprächs steht eine auffällige Strategie, die sich durch viele der im Buch versammelten 16 Biografien zieht:

Die eigentliche Kritik – etwa an Impfpflicht oder Lockdown – wurde selten direkt sanktioniert. Stattdessen wurden andere Hebel angesetzt:

  • Vorwürfe mangelhafter Führung

  • Zweifel an wissenschaftlicher Integrität

  • administrative Verfahren

  • mediale Kampagnen

Die Reputation wurde angegriffen – nicht primär die Meinung.

Auch bei Stölzle begann es mit Rekursverfahren ehemaliger Doktoranden, die ihm plötzlich „miserable Institutsführung“ vorwarfen. Eine Untersuchungskommission wurde eingesetzt. Medienberichte folgten. Gleichzeitig wurde ihm ein Maulkorb auferlegt – er durfte öffentlich nicht über seinen eigenen Fall sprechen.

„Wenn man mit Klarnamen in den Medien ist, hat man keine Chance mehr“, sagt er.

Am Ende stand keine Verurteilung. Kein nachweisbares Fehlverhalten.
Aber eine einvernehmliche Aufhebungsvereinbarung.

Die Botschaft war klar: Er war nicht mehr tragbar.


Die gesundheitliche Dimension

Der Druck blieb nicht folgenlos. Sieben Monate war Stölzle arbeitsunfähig. Psychiatrische Behandlung. Medikamente. Ein Zusammenbruch.

Und genau aus dieser Phase entstand die Idee zum Buch.

Nicht als Abrechnung. Nicht als reine Opfersammlung.

Sondern als Dokumentation – und als Versuch, aus dem Erlebten etwas Konstruktives zu gewinnen.


Gemeinsame Muster der 18 Fälle

Die im Buch versammelten Autoren stammen aus Hochschulen, dem Beamtentum, dem Militär, kirchlichen und medizinischen Kontexten – aus Deutschland und der Schweiz.

Was sie verbindet, so Stölzle:

  • Sie äußerten ihre Meinung sachlich.

  • Sie verstießen nicht gegen geltendes Recht.

  • Sie waren zuvor politisch kaum exponiert.

  • Sie wurden isoliert, skandalisiert und reputativ angegriffen.

Ein zentrales Motiv sei das „Exempel“. Wer sichtbar widerspricht, wird zum Signal an andere.

„Bestrafe einen, erziehe hundert“, fasst Maaßen die Dynamik zusammen.

Besonders Hochschulen seien im Fokus gewesen, so Stölzle – aufgrund ihrer Multiplikatorrolle. Professoren prägen Generationen von Studierenden. Abweichende Stimmen dort hätten größere Reichweite.


Gab es einen „Point of No Return“?

Eine der zentralen Fragen im Gespräch lautet:
Hätte man die Entwicklung stoppen können?

Früher an die Öffentlichkeit gehen?
Noch aggressiver juristisch vorgehen?
Sich entschuldigen?

Stölzle bleibt nachdenklich. Einen klaren Wendepunkt erkennt er nicht. Wer einmal hochschulöffentlich widersprochen habe, habe – so seine Beobachtung – massiven Druck erfahren. Studien verweisen auf Dutzende Professoren im deutschsprachigen Raum, die in diesem Kontext ihre Position verloren.

Ein Zurück in den alten Status scheint selten möglich gewesen zu sein.


Motive der Institutionen

Handelte es sich um ideologische Überzeugung?
Oder um institutionellen Selbstschutz?

Stölzles Einschätzung ist ernüchternd:
Viele Verantwortliche hätten vor allem ihren eigenen Posten sichern wollen. Weisungen weiterreichen. Ruhe im System bewahren.

Keine offene Debatte – sondern Schadensbegrenzung.


Kein Opferbuch – sondern ein Appell

Trotz der Schwere der geschilderten Erfahrungen wollte das Herausgeberteam kein Buch der Bitterkeit.

Jeder Beitrag sollte auch eine positive Wendung enthalten:
Was ist gewachsen?
Was wurde klarer?
Was hat sich neu eröffnet?

„Mut zum Widerspruch“ versteht sich daher weniger als Anklage, sondern als Erinnerung an einen Grundpfeiler freiheitlicher Gesellschaften: den offenen Diskurs.

Meinungsfreiheit endet nicht dort, wo Meinungen unbequem werden. 


Eine gesellschaftliche Frage

Das Gespräch zwischen Maaßen und Stölzle geht über individuelle Schicksale hinaus. Es berührt eine größere Frage:

Wie belastbar sind Institutionen, wenn sie mit Dissens konfrontiert werden?

Und wie viele Karrieren müssen brechen, bevor wieder Raum für Debatte entsteht?

Das Buch versammelt 18 Antworten.
Nicht als letzte Wahrheit – sondern als Erfahrungsberichte einer Zeit, die viele als Zäsur erlebt haben.