Prof. Dr. Dr. Harald Walach im Gespräch bei Antje Maly-Samiralow über Mut und inneren Kompass

Mut zum Widerspruch – Über inneren Kompass und gesellschaftliche Zäsuren

Prof. Dr. Dr. Harald Walach im Gespräch mit Antje Maly-Samiralow

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Was bedeutet Mut in einer Zeit, in der Anpassung bequemer scheint als Widerspruch?
Und was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn der öffentliche Diskurs enger wird und der Raum für abweichende Stimmen schrumpft?

Im Gespräch mit Antje Maly-Samiralow blickt Prof. Dr. Dr. Harald Walach auf persönliche Erfahrungen zurück – und ordnet sie zugleich in größere gesellschaftliche Zusammenhänge ein.


Frühe Erfahrungen mit „Cancel Culture“

Harald Walach erlebte bereits Jahre vor der Corona-Zeit, was es bedeutet, aus dem wissenschaftlichen Diskurs gedrängt zu werden. Zwischen 2012 und 2014 geriet der von ihm mitgetragene Weiterbildungsstudiengang für Kulturwissenschaft und Komplementärmedizin an der Europa-Universität Viadrina zunehmend unter öffentlichen Druck.

Mediale Kampagnen, verkürzte Darstellungen und ideologisch geführte Debatten führten schließlich zur Schließung des Studiengangs. Walachs Stiftungsprofessur wurde nicht verlängert. Mit 59 Jahren stand er vor dem beruflichen Neuanfang.

Rückblickend beschreibt er diese Zeit als schmerzhaft – aber auch als lehrreich. Zum ersten Mal wurde sichtbar, wie schnell ein bestimmtes wissenschaftliches Weltbild zur unhinterfragten Norm werden kann und wie rasch daraus eine faktische Definitionshoheit entsteht.


Die Corona-Zeit als gesellschaftliche Zäsur

Was zuvor einzelne betraf, verdichtete sich während der Corona-Jahre zu einem breiten Phänomen.

Walach spricht von einer „Zäsur“ – nicht nur individuell, sondern gesellschaftlich. Eine vermeintlich alternativlose Mehrheitsmeinung habe sich über Medien, soziale Netzwerke und institutionelle Dynamiken so verfestigt, dass abweichende Positionen kaum mehr in den öffentlichen Diskurs gelangen konnten.

Das zentrale Problem war für ihn weniger die Existenz unterschiedlicher Meinungen – sondern der Verlust des offenen Diskurses.

Wissenschaft, so Walach, definiert sich durch Methodik, nicht durch Inhalte. Wenn bestimmte Themen von vornherein als unzulässig gelten, verschiebt sich der Maßstab von Rationalität hin zu Weltanschauung.


Die „Schere im Kopf“

Warum aber schwiegen so viele?

Hier beschreibt Walach einen zutiefst menschlichen Mechanismus: die „Schere im Kopf“.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind – entgegen der romantischen Vorstellung völliger Autonomie – eingebunden in soziale Gefüge, Förderstrukturen und kollegiale Abhängigkeiten.

Wer erlebt, wie Kolleginnen oder Kollegen öffentlich angegriffen werden, lernt schnell, welche Themen man besser meidet. Nicht unbedingt aus Überzeugung – sondern aus Selbstschutz.

So entsteht ein Klima, in dem viele zwar Zweifel hegen, diese aber nicht mehr äußern. Nicht weil sie es nicht sehen – sondern weil sie es sich nicht leisten können.


Moralische Dimensionen

Im Gespräch wird es grundsätzlicher:
Was geschieht mit einem Menschen, wenn er dauerhaft gegen sein eigenes besseres Wissen schweigt?

Walach unterscheidet hier zwischen einem rein sozial-konventionellen Moralverständnis („richtig ist, was die Mehrheit für richtig hält“) und einem tieferen, essentialistischen Verständnis von Moral – also der Annahme, dass es so etwas wie Wahrheit oder Gewissen jenseits von Mehrheitsmeinungen gibt.

Wer dauerhaft gegen seinen inneren Kompass handelt, so die Überlegung, erzeugt inneren Druck. Psychologisch kann dies Stress bedeuten. Spirituelle Traditionen sprechen von weiterreichenden Konsequenzen.

Ob man diese metaphysisch deutet oder nicht – klar wird: Integrität ist kein abstrakter Begriff. Sie wirkt unmittelbar auf das eigene Erleben zurück.


Mut als Entwicklungsschritt

Das neu erschienene Buch „Mut zum Widerspruch – Dissidenten der Alternativlosigkeit berichten“, erschienen bei discorso, versammelt 18 persönliche Erfahrungsberichte von Wissenschaftlern und öffentlichen Persönlichkeiten, die während der Corona-Zeit oder bereits zuvor berufliche und gesellschaftliche Konsequenzen für ihre Haltung erlebten.

Dabei geht es nicht um eine „Klagemauer“.
Die Herausgeber baten ausdrücklich darum, auch die Entwicklung nach der Krise zu schildern.

Und hier zeigt sich ein bemerkenswertes Muster:
Viele berichten, dass aus dem Bruch neue Wege entstanden sind. Neue Kooperationen, neue Projekte, eine stärkere innere Klarheit.

Mut ist in diesem Sinne nicht heroisches Pathos.
Er ist oft eine schlichte Notwendigkeit, wenn man sich selbst treu bleiben möchte.


Ein innerer Kompass

Im Kern des Gesprächs steht eine einfache, aber tiefgreifende Frage:

Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn Menschen aufhören, ihrem inneren Kompass zu folgen?

Mut beginnt nicht erst auf großen Bühnen.
Er beginnt im Kleinen – wenn jemand widerspricht, wenn Unrecht geschieht. Wenn jemand eine Frage stellt, die unbequem ist.

Das Buch möchte dazu ermutigen. Nicht zur Provokation um der Provokation willen, sondern zur Zivilcourage im Sinne eines offenen, freiheitlichen Diskurses.

Denn – so Walach am Ende des Gesprächs –
das Leben geht weiter. Und es lohnt sich, aufrecht zu bleiben.