Rezension in der Zeitschrift Anomalistik: „Mut zum Widerspruch“ - Über Wissenschaft, Diskursgrenzen und den Preis des Andersdenkens

Rezension in der Zeitschrift Anomalistik: „Mut zum Widerspruch“ - Über Wissenschaft, Diskursgrenzen und den Preis des Andersdenkens

In der Zeitschrift für Anomalistik ist eine ausführliche Rezension des bei discorso erschienenen Buches „Mut zum Widerspruch. Dissidenten der Alternativlosigkeit berichten“, herausgegeben von Wolfgang Stölzle und Günter Roth, erschienen. Rezensent ist der Medizinhistoriker Florian Mildenberger.

Im Mittelpunkt des 400 Seiten umfassenden Sammelbandes stehen persönliche Erfahrungsberichte von Wissenschaftlern, Ärzten, Juristen und anderen Fachleuten, die sich mit Positionen oder Fragestellungen außerhalb des jeweils vorherrschenden wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Konsenses wiederfanden. Die Beiträge thematisieren dabei insbesondere die Erfahrungen während der Covid-19-Pandemie, aber auch frühere Konflikte um wissenschaftliche und gesellschaftliche Deutungshoheiten.

Mildenberger beschreibt das Buch als eine Sammlung autobiografisch geprägter Berichte über die Frage, wie sich die Grenzen des Sagbaren verändern – und was geschieht, wenn Wissenschaftler beginnen, diese Grenzen infrage zu stellen. Die Autoren schildern unter anderem Erfahrungen mit institutionellem Druck, öffentlicher Kritik, beruflichen Konsequenzen und der Zuschreibung, Positionen außerhalb des wissenschaftlichen Mainstreams zu vertreten.

Ein wiederkehrendes Motiv ist dabei das Verhältnis von Wissenschaft und gesellschaftlichem Diskurs. Mehrere Autoren wenden sich gegen eine Vermischung wissenschaftlicher Erkenntnisse mit politischen oder ideologischen Vorgaben. So wird etwa die Erfahrung beschrieben, dass kritische Fragen während der Pandemie teilweise nicht als legitimer Bestandteil wissenschaftlicher Auseinandersetzung behandelt, sondern mit abwertenden Etiketten versehen wurden.

Die Rezension verweist auf zahlreiche konkrete Beiträge des Bandes. Harald Walach zieht beispielsweise Parallelen zum früheren Umgang der medizinischen Orthodoxie mit der Homöopathie. Andreas Sönnichsen thematisiert die Rolle von Hochschulen bei der Einschränkung von Diskursen. Christian Schubert berichtet aus ärztlicher Perspektive über die Folgen beruflicher Konflikte während der Pandemie. Weitere Beiträge beschäftigen sich mit den Erfahrungen von Daniele Ganser, Ulrike Guérot und anderen Autoren mit akademischen Institutionen, Medien und gesellschaftlichen Kontroversen.

Besonders prägnant findet Mildenberger die Frage, die Anke Uhlenwinkel und Heike Egner in ihrem Beitrag stellen: Was braucht es, um den „Mut zum Widerspruch“ aufzubringen? Der Rezensent sieht darin eine zentrale Frage des gesamten Buches. Wer aufgrund seiner Fragen oder Positionen aus dem etablierten wissenschaftlichen Umfeld herausfällt, müsse sich häufig völlig neu orientieren – und verliere dabei nicht selten akademische Freundschaften und berufliche Netzwerke.

Gleichzeitig bleibt die Rezension nicht bei einer Zustimmung stehen. Mildenberger wirft den Autoren vor, die eigene Rolle innerhalb der Institutionen, die sie später kritisieren, teilweise zu wenig zu hinterfragen. Er fragt, wie sie selbst ursprünglich Teil dieser akademischen und gesellschaftlichen Strukturen werden konnten und welche Annahmen und Narrative sie möglicherweise zuvor übernommen hatten. Gerade diese kritische Gegenfrage macht die Rezension interessant: Widerspruch richtet sich nicht nur gegen die anderen, sondern verlangt auch die Bereitschaft zur Selbstreflexion.

Trotz dieser Einwände fällt Mildenbergers Gesamteindruck des Buches deutlich positiv hinsichtlich seiner Lesbarkeit und seines persönlichen Gehalts aus. Er bezeichnet den Band als „kurzweilig und interessant geschrieben“ und hebt hervor, dass die autobiografischen Schilderungen die persönlichen Erfahrungen, das Leid und auch die Wut der Beteiligten nachvollziehbar machen.

Damit verweist die Rezension auf einen Kern des Buches: „Mut zum Widerspruch“ versteht sich nicht allein als Sammlung kontroverser Positionen, sondern als Erfahrungsbericht darüber, was es bedeuten kann, Fragen zu stellen, wenn ein gesellschaftlicher Konsens bereits festzustehen scheint.

Die vollständige Rezension von Florian Mildenberger ist in der Zeitschrift für Anomalistik, Band 25, Nr. 2 (2025), S. 417–419 erschienen.

Zur vollständigen Rezension in der Zeitschrift für Anomalistik