Warum das Immunsystem uns krank fühlen lässt: Die Bedeutung von „Sickness Behavior“ bei Infektionen - Prof. Christian Schubert

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Was, wenn Krankheitsgefühl kein Fehler des Körpers ist – sondern eine hochintelligente Schutzstrategie?

Prof. Christian Schubert, Arzt, Psychologe und Leiter des Labors für Psychoneuroimmunologie an der Medizinische Universität Innsbruck, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der komplexen Wechselwirkung zwischen Psyche, Nervensystem und Immunsystem. Sein Forschungsfeld – die Psychoneuroimmunologie – untersucht, wie eng körperliche Abwehrprozesse mit seelischen Zuständen verbunden sind.

In seinem aktuellen Statement verweist Schubert auf ein oft übersehenes Phänomen: das sogenannte „Sickness Behavior“.


Kranksein als biologische Strategie

Wer eine Virusinfektion hat, kennt die Symptome: Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Appetitlosigkeit, Rückzug. Wir fühlen uns „krank“. Doch dieses Krankheitsgefühl ist keine zufällige Begleiterscheinung.

Im Gegenteil.

Sickness Behavior beschreibt ein evolutionsbiologisch sinnvolles Verhaltensprogramm. Wird das Immunsystem durch eine Infektion aktiviert, steigen entzündliche Botenstoffe an. Diese wirken nicht nur lokal im Körper, sondern auch im Gehirn. Dort lösen sie gezielt Verhaltensänderungen aus:

  • Reduktion von Aktivität

  • Rückzug aus sozialen Kontakten

  • Erhöhtes Ruhebedürfnis

Warum?
Weil Energie für die Immunabwehr benötigt wird.

Würden wir uns trotz Infektion leistungsfähig und vital fühlen, würden wir arbeiten, Sport treiben, reisen – und genau das würde die körpereigenen Abwehrprozesse schwächen.

Das Krankheitsgefühl zwingt uns zur Pause. Es schützt uns.


Social Distancing und chronischer Stress

Prof. Schubert argumentiert, dass infektiologische Maßnahmen wie Social Distancing zwar mechanistisch nachvollziehbar sind – weniger Kontakt, weniger Übertragung –, jedoch psychobiologisch komplexe Folgen haben können.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Sicherheit entsteht durch Beziehung. Wird soziale Nähe dauerhaft eingeschränkt, kann chronischer Stress entstehen. Und chronischer Stress wiederum wirkt nachweislich immunsuppressiv.

Hier zeigt sich eine zentrale Perspektive der Psychoneuroimmunologie:
Gesundheit ist kein rein biologischer, sondern ein biopsychosozialer Prozess.

Eine lineare Betrachtung – Virus trifft Körper – greift zu kurz. Entscheidend ist das Zusammenspiel von:

  • Immunsystem

  • Nervensystem

  • Psyche

  • sozialem Umfeld


Leistungsdruck und Symptomunterdrückung

Ein weiterer Aspekt betrifft den gesellschaftlichen Umgang mit Krankheit.

In leistungsorientierten Systemen besteht oft der Druck, schnell wieder „funktionieren“ zu müssen. Medikamente wie fiebersenkende oder entzündungshemmende Mittel können Symptome reduzieren – das subjektive Krankheitsgefühl verschwindet.

Doch das Immunsystem arbeitet weiter.

Schubert weist darauf hin, dass das Unterdrücken von Sickness Behavior zwar kurzfristig Leistungsfähigkeit herstellt, aber nicht zwangsläufig die Infektion beendet. Aus Sicht der Psychoneuroimmunologie kann dies dazu führen, dass Menschen infektiös bleiben, während sie sich bereits wieder aktiv im sozialen Raum bewegen.

Gerade in pandemischen Situationen entsteht hier ein Paradox:
Individuelle Funktionsfähigkeit kann kollektive Ausbreitung begünstigen.


Das Menschenbild in der Medizin

Ein zentraler Punkt in Prof. Schuberts Argumentation ist das zugrunde liegende Menschenbild. Er kritisiert ein rein mechanistisches Verständnis von Medizin, das den Menschen primär als biologisches System betrachtet.

Die Psychoneuroimmunologie hingegen versteht den Organismus als komplexes, dynamisches Netzwerk. Psyche und Körper sind nicht getrennt, sondern funktional verschränkt.

Wenn wir Krankheitsprozesse ausschließlich als Störung betrachten, übersehen wir möglicherweise ihre regulierende, adaptive Funktion.

Sickness Behavior ist dafür ein eindrückliches Beispiel.


Eine integrative Perspektive

Die Frage lautet daher nicht: Schulmedizin oder Psychologie?
Sondern: Wie können beide Perspektiven integriert werden?

Die moderne Medizin steht vor der Herausforderung, infektiologische Prävention, psychische Stabilität und soziale Bedürfnisse gemeinsam zu denken. Das bedeutet nicht, biologische Erkenntnisse zu relativieren – sondern sie in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

Gerade Krisenzeiten zeigen, wie wichtig es ist, komplexe Zusammenhänge differenziert zu betrachten.

Das Immunsystem kämpft nicht nur gegen Viren.
Es reagiert auch auf Angst, Isolation und chronischen Stress.

Vielleicht liegt eine der zentralen Lehren der vergangenen Jahre darin, Gesundheit nicht eindimensional zu definieren – sondern als ein Zusammenspiel von Körper, Geist und Beziehung.

Mehr zur Forschung von Prof. Christian Schubert hier.